Charlie war ruhig gewesen in den letzten Tagen. Die Kämpfe ham sich wohl mehr nach Norden verlagert, Fluss aufwärts, ab und zu kommt ein Boot zurück, bei uns vorbei, mit lebenden Leichen an Bord, mit Männern, die zu tief drin waren, sie waren zu nahe am Nichts. Wird nichmehr lange dauern, bis sie uns auch da hoch schicken. Dann isses vorbei.
Ich geh oft zum Fluss runter und versuch Steine rüber zu werfen. Sind knappe 45 Meter, ich schaffs fast. Es is wie meditieren, es tut gut, ein Ziel vor Augen zu haben.
Aber gestern is was passiert. Immer so gegen die Mittagszeit finden sich die Komorane am Fluss ein.
Die eleganten schwarzen Vögel fliegen knapp über dem Wasser. Immer zu zweit. In Formation suchen sie mit ihren scharfen Augen nach Fischen im Dreckswasser, ham sie ein gesichtet, wechseln sie die Elemente. Sind verteufelt gute Taucher.Als wieder zwei ankamen, hab ich einen Stein nach ihnen geschmissen. Sie waren gute 30 Meter weg, ham sicherlich 50 Sachen drauf gehabt - keine Chance die zu treffen. Ich hab aber getroffen. Hab einen voll an der Seite erwischt. Er is noch ein Stück weitergeflogen, dann wurde sein Flügelschlag unkontrolliert. Er is aufs Wasser geklatscht und hat noch die Kraft gefunden, abzutauchen. Mir is das Herz stehen geblieben. Ungefähr eine zehntel Sekunde hab ichs nich geblickt, dann hab ichs nich fassen können, kurz hab ich mich gefreut, dass ich tatsächlich getroffen hab, was in meinen Augen das Unwahrscheinlichste war, dass ich je geleistet habe, ja, sogar was sich je vor meinen Augen abgespielt hat. ONE SMOOTH MOVE.
Natürlich wollte ich den armen Kerl treffen, hab ja den Stein in seine Flugbahn geworfen, aber ich wollte ihn nich getroffen haben. Als mich das Mitleid und das schlechte Gewissen mit voller Wucht erschlagen wollte, isser wieder aufgetaucht und weitergeflogen. Zum Glück. Und zum Glück hats der Bolivianer gesehen. Zurück bleibt die verwirrende Erkenntnis, dass ich nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit nie wieder in meinem Leben einen Vogel im Flug mit einem Stein treffen werde. Oder, dass man sich überlegen sollte, was man probiert, es könnte ja auch klappen. Anders wie Homer Simpson einst sprach: "You tried, and you failed. So what did you learn? Never try!", aber das Fazit bleibt das Gleiche. Und als wär der Tag mit diesem Ereignis nicht schon unwahrscheinlichkeitstrunken genug gewesen, hat sich am Abend der Chef meiner Lieblingsspelunke ans Pissoir neben meinem gestellt. Ich hab sowas gesagt wie: "Schöne Kneipe." Er: "Kommst du aus Mannheim?" "Ne, Nordschwarzwald." "Calw?" "Ja." "Meine Schwester is Lehrerin dort." "Ich hab vorhin ein Kormoran per Hand ausm Himmel geholt, würde mich nich wundern, wenn deine Schwester meine Mutter is"Die Welt wird immer kleiner. Mein bulgarischer Kamerad kennt meinen Onkel aus Unterlengenhardt und mein Wirt kennt Calw. Und ich treff den Vogel, als wär er einen halben Meter von mir weg gewesen.
Kurz: Ich arbeite jetzt bei Europcar neben dem McDonalds, muss saubere Autos putzen und rumfahren und ich geh morgen (Montag) um 10 Uhr früh für eine Woche o. ä. in die Bundeshauptstadt.




