Die Erkenntnis hat mich gefunden. Eine Woche Berlin, anstrengend wie sau, aber mit enormer heilender Wirkung. Die Schlacke der eingeengten Denk- und Lebensweise, die an meiner Mannheimer Kack-Uni überall auf den Fluren verschlonzt wird, die einem das Hosenbein hochkriecht, unterm Hemed bis nah ans Hirn, is im Berliner Wind der Freiheit verweht. Man hört es so oft, überall wirds totgequatscht: Lebe dein leben, mach was du willst, etc... Aber ein altes russisches Sprichwort besagt mit der ehrlichen Reinheit eines milchgefilterten Vodkarausches: Sprich nicht darüber, was du tun willst; sprich über das, was du getan hast. Und ich war in Berlin. Ich hätte da bleiben sollen. Und aus mir sprich nicht die verblendete Euphorie eines fremdtrunkenen Heimkehrers, nein, ich hab die Erfahrung ziehen lassen und mit einem gewissen Abstand schaue ich darauf zurück. Und für mich haben sich die leeren Phrasen der tausend Stimmen, alle nach einer Freiheit schreiend, mit dem einzig wahren Inhalt gefüllt. Nicht der Inhalt des Nachvollziehens, nicht der Inhalt des Ausmalens, des Mitläufertums, des Nachäffens, nicht des leeren Inhalts Inhalt willen; der Inhalt meiner Worte nährt sich aus Erlebtem. Ich erlebe Mannheim jeden Tag, und die Stadt, einst Kultur-Obermetropole, vor vielleicht 200 Jahren oderso, verfällt dem dreckigsten Spießertum. Und als Keimzelle diesen Übels muss die Universität genannt werden. 10 Millionen Anzugträger die nur Tabellen fressen und sich ihre Triebe mit Geld und Porsche befriedigen, überfluten den Campus. Überfluten hört sich schon zu frei und wild an, eigentlich addieren sie sich nur herum, multiplizieren sich durch die Stadt, kalkulieren durch die Kneipen um sich ein (AHHHH!!!!!) "Latte Matschiaddo" zu dividieren und anschließend bei Gesprächen die sich nur aus Einsen und Nullen zusammensetzen, gemeinsam eine Anglizismus-Brainpool-Get-Together-Meeting-Business-Mindfucker-Séance abzuhalten, in der der Mensch vor dem Kapital kapitulieren muss. An diesen Leuten is nichts echt oder komisch. Und weil ich das weiß, is es mir scheißegal. Und ich weiß auch, dass ich dieses sinkende Schiff verlassen muss. Meinetwegen auch als Ratte, aber bitte als Erster... Und dann seh ich mit nem Blick über die Schulter, wie sie sich selbst gegenseitig subtrahieren, wie sie in einem klitzekleinen Lichtblitz verglühen und ich sitz in der Sonne mit der Klampfe in den Händen, drauf pfeifend. Ohh ja,
natürlich! In hundert Jahren wird bestimmt die Weltöffntlichkeit sehr angetan sein von den ganzen Spacken: "Schau mal hier, wie wunderschön romantisch der hier diese Excel-Tabelle ausgefüllt hat... Bezaubernd!" Sicherlich...
Vom Lande kommend, dachte ich mir: Ha, Stadt is Stadt. Ne, ne... Falsch gedacht. Es is schade um Mannheim und seine schönen hässlichen Ecken, aber Mannheim hat einen Tumor in sich, der unaufhörlich Metastasen streut. Das Leben versiegt. This is the road to hell.
Berlin.
Mit der Mitfahregelegenheit über
mitfahrgelegenheit.de kam ich montags hin. 25 €, fairer Preis. Erster Eindruck: Kälte. Aber als ich am gleichen Abend mit meinem Otro Fako erstmals durch Kreuzberg 36 gezogen bin, ins Rauchhaus, zum Penny, der bis 22 Uhr offen hat, in der WG in der Oranienstraße und bei der ersten Jam-Session hab ich wohl gefühlt.

Am nächsten Tag auf dem Fahrrad auf den Kreuzberg hoch, abends lecker Maultaschensuppe und crazy Cuscus-Salat, nächste Jam-Session.

Dann am Mittwoch nochmal mit dem Bike alleine (weil auch Fakos mal an die Uni müssen) durch die City,

in die edle Musikhochschule, in der die Schüler in bunten Schaukästen mit dem Teufel um ihre Seele spielen.

Und dann hat Berlin losgelegt. Wir sind erst rüber zum Prenzelberg, zur Frau mit der Mappe, haben uns eingesungen und haben dann gegenüber vom "Morgenrot" Stellung bezogen.
Straßenmusik.
Um 0 Uhr gings los. Gegen die Kälte haben wir angeschrien und verbeilaufende Passanten in unsere Lieder reingewurschtelt. Es hat nich lange gedauert, bis sich die ersten Groupies vor uns versammelt hatten. Mit glühenden Augen, schmachtend und im Herzen bewegt. Unverhofft ist Robert Stadlober vorbeigelaufen; er wurde auch musikalisch bedacht.
SCHAUSPIELER! Du siehst gut aus, gut aus... Als der erste Schnee sich zu uns gesellte, kam ein Reporterteam von der Berliner Morgenpost daher. Bilder gemacht, Interview, Schnickschnackschnuck. Dann kam die erste Mordrohung. Wir haben musikalisch nach Feuer gefragt, als einer das Fenster aufriß, dreimal mit ner .5 Desert Eagle in die Luft schoß und uns mit dem Wortlaut
ICH GEB EUCH GLEICH FEUER WENN IHR NICH DIE SCHNAUZE HALTET!! von unsrer Stage jagte. Dann 20 Meter weiter, nach ungefähr einem Takt, wurde uns mit der Polizei gedroht. Wir waren auf der Straße nich mehr sicher. Gut, es war spät, eher früh, auch manche Berliner müssen schlafen. Also rein ins "Morgenrot". Weg vom Stress. Denkste.
To be continued....