17.5.07

Ja. Eines wollte ich noch los werden.

Das war’s. Jetzt stand sein Entschluss fest. Er schlüpfte in seine Schuhe, nahm den Schlüssel, zog sich nen Pulli an. Zur Türe raus ins Auto. Es war noch kalt an dem frühen Morgen, so kalt, dass sein Atem nebelte. Es sah nach einem grauen Tag aus. Canned Heat rein und los. Schnell bei der 24/7 Tanke noch halten. Auftanken, Kippen und ein paar Mr. Browns. Er sagte nix zum Türken hinter der Kasse, wollte seine Fahne geheim halten, denn er kannte den Türken gut, wollte ihn nicht mit rein ziehen. Mann, er war eigentlich noch total besoffen, aber der Zenit der wilden Nacht war lange überschritten, es war ne nüchterne, müde Besoffenheit. Der ganze Rambazamba steckte in seinen Beinen, seine Klamotte stank nach Rauch, auf seinem schwitzklebrigen T-Shirt unterm Pulli waren bestimmt Kotz- und Alkflecken. Geheimzahl eingeben, ein Auge zu machen, die Tasten sind zu klein. Warten, Zettel kommt raus, im Umdrehen nen lässigen Zwei-Finger-Gruß an den Türk’, ein gedachtes Salute, wieder in die Karre. Raus auf die Straße, Radio lauter, Heizung an und den Kippenanzünder reingedrückt. Nach ein paar Sekunden kommt er warm glühend wieder raus, mit den Knien lenken, Folie abfuddeln, man kriegt aus ner neuen Schachtel manchmal schwer die erste Kippe raus, er hat jetzt keine Zeit für Perfektion, ein Griff: 10 Kippen in der Hand, auf den Beifahrersitz damit. Eine behalt’ ich hier bei mir – dem Fahrer…

In die Glut gehalten, läuft. Fenster leicht runter. Jetzt war er unterwegs.

Da fuhr er nun lässig auf der Umgehungsstraße, fuhr durch die Peripherie seiner Stadt, auf die leere Autobahn, seinem Untergang entgegen. Er kurbelte den Sitz soweit nach hinten wie es überhaupt nur geht, verdrehte den Rückspiegel (und er war froh, dass das ging) so krass, dass er über ihn, im Sitze liegend, perfekte Sicht nach vorne auf die Straße hatte. Er lenkte mit einer Hand am unteren Rand des Lenkrades, rauchte mit der anderen. Mit einem Auge peilte er den Spiegel an und versank in Zufriedenheit. Er aschte auf seine Brust. Aus Faulheit und weil es ihn auch nich juckte. Das war ein gutes Gefühl. Voller Tank, volle Kippen, den Blues im Ohr und dann ging die Sonne auf.

Der graue Schleier wich, die Sonne scheuchte den Schatten der Nacht hinfort. Und er ritt ihm hinterher, den jungen Tag ihm Rücken, die sterbende Nacht voraus. Er dachte an alles, was sein Leben bis zu diesem Zeitpunkt ausgemacht hatte und er sah für sich, dass es ein gutes Leben war. Er erfreute sich am Guten wie am Schlechten, ja am Schlechten sogar noch tausendmal mehr, wie es eigentlich nur ein Weiser tun kann. Oder ein Betrunkner. Mit einem breiten Grinsen setzte er sich auf, um den Stummel zum Fensterschlitz raus zu werfen. Das Auto fuhr wie von selbst. Die Straße war breit, die Straße war gerade und leer. Er warf einen Blick zurück. Der fette, rote Ball wabberte überm Horizont und strahlte in sein glückliches Gesicht. Wärme. Die Heizung kann jetzt aus. Der heiße Blick des nahen Sterns hatte ihn belebt. Er kurbelte den Sitz wieder hoch, schüttelte seinen Kopf und schnaubte wie ein Pferd. Knallte sich ein paar, ließ das Fenster ganz runter und schrie raus: „Rock and Roooll, verdammt!“. Er zog mit 200 Sachen an einem einzelnen Sattelschlepper vorbei.

Es gibt Pferde. Die sind normal. Da reiten kleine Mädels drauf. Die ziehen Kutschen mit Touristen, mit Scheuklappen scheißen sie in einen Sack, der hinter ihrem Arsch hängt. Wenn sie brav sind, springen sie über Hindernisse, tragen ihren Reiter durch Nacht und Wind, über Stock und Stein. Laufen im Rechteck unnatürlich Kreuzschritt, Pi Pa Po… Und es gibt Wildpferde. Die sind frei und wild. Die tragen niemand, die ziehen nichts. Freiheit mit Beinen und Mähne. Und wie Pferde gibt es Menschen. Und ich bin ein Wildmensch. Ab jetzt. Ich scheiß’ in keinen Sack mehr! Ich scheiß’ auf die Pflichten, die keine sind, auf meine Scheuklappen. Ich unterwerfe mich NICHT irgendjemandem. Ich trage diese gesellschaftliche Unzufriedenheit nicht mehr, ich brech’ aus, ich hau’ ab. Ich bin frei. Jetzt!

The taste of love is sweet.

Scheiße, er hatte keinen Bock mehr auf das Auto. Lass’ stecken… Er konnte es nicht mit seinen Gedanken und guten Hoffnungen lenken, es nahm ihm seine neue Freiheit. Ich geh zu Fuß weiter. Das dachte er sich, nachdem er eingenickt, mit 220 km/h die rechte Leitplanke durchschlagen, die Böschung runtergeschanzt, in einem Acker aufgeschlagen war, sich acht mal überschlagen hatte und anschließend unverletzt aus dem Wrack krabbelte. Er steckte sich die Kippen und die Mr. Brown Kaffees in die Tasche, klopfte sich die Kleidung glatt und ging.

Geil. Hinter ihm flog die Karre in die Luft. Neben ihm schlug das Nummernschild ein.

„Ciao bello.“ In einem kurzen Anflug von Sentimentalität verharrte er an der Stelle, lächelte schief und ging weiter. Gute Schuhe, gute Sambas… This boots are made for walking.

Er hatte keinen Plan, wo er war. Er sollte erst später herausfinden, dass er im Schlafe die französische Grenze überquert hatte, im Schlafe Frankreich hinter sich gelassen hatte und nun ihn Spanien war. Und dass Interpol ihn suchte, wusste er auch nicht.

Maannn! Es war so warm. Und es war wieder Nacht. Ich hab’ sie eingeholt, war sein erster Gedanke.

Er erinnerte sich an die Nacht, die ihm (schon wieder) entfleucht war. Die heiße Nacht. Alles war cool gewesen. Easy going. Mit dem Wissen, was ihn erwartete, hatte er geduscht, seine beste Robe aus’m Schrank geholt, Zähne geputzt, laut Musik gehört, Deo unter die Achseln, an der Tür klingelt’s, komm’ rein Kumpel, vorglühen und dann los ziehen. Und SIE war wieder so verdammt schön und die Vibes waren so gut, er hatte seinen perfekten Level gefunden, er war witzig, er war aber auch er selbst, he was the man, perfekte Musik, gut getanzt, gerockt, mit Kumpels draußen einen geraucht und gelabert über die Mädels, mit seinem wichtigsten Mädle selbst draußen eine geraucht, im richtigen Augenblick romantisch gewesen, aber nicht zu sehr, zurückhaltend, nun aber mit stolzgeschwellter Brust zurück. Party on!

Und dann vergaß er das Ende. Keine Nacht ist für immer. Er trank zuviel, schoss über’s Ziel. Schon wieder. Er hatt’s versaut. Irgendwann in den heimlich geheimen Stunden, wenn Parties sterben, hat er die Ausfahrt verpasst. You’ll never reach the sky! Abgeschossen, kotzend über der Kloschüssel verpufft jede Romantik sehr schnell. Sein Mädel war weg. Und er läuft 10 km nach Hause. Und die Gedanken versuchen in Panik Halt zu finden, aber nein, sie reißen alles mit. Scheiß’ doch auf’s Mädel, scheiß’ auf die Uni, scheiß’ auf die Scheiße und geh! Behalte deine Würde, zieh’ dich aus dem Kack zurück. Lass’ alles einstürzen und lass’ alle anderen im Müll der Welt untergehen. Mach dich auf die Reise zu dir selbst. Und zwar nicht später, nicht in einer Woche, nicht morgen, geh jetzt, müde, dreckig, stoned, besoffen, jetzt, wenn es am unbequemsten is, geh’ und lern dein Lachen wieder kennen. Mann! Du liegst schon im Bett, steh auf! Zeit, dass sich was dreht…

Und so ließ er alles zurück. Sein ganzes Leben sollte auf der Strecke bleiben. Auf welcher Strecke? Scheiß drauf, der Weg is das Ziel. Und so lief er durch die spanische Nacht, trank eine Dose Mr. Brown, war fit. Was er nicht wusste: er hatte im selbst fahrenden Auto 15 Stunden geschlafen. Die anderen Dosen in seiner Tasche nervten ihn, sie bembelten beim laufen dumm rum, also warf er sie weg. Lebe im hier und jetzt. Werde los, was dich stört. Er fand einen Weg und ging Richtung Mond. So ein schöner Mond mit all seinen wohlklingenden Meeren. Er hatte sie alle mal bei Wikipedia nachgeschaut. Wirklich alle hatten coole Namen.

Vom Laufen wurde ihm warm. Er zog seinen Pulli aus und warf ihn sich über die Schulter. Da war er wieder in seinem vollgeschlonzten T-Shirt. Zurück in der Nacht. Doch er war nüchtern und alleine. Auf seinem Weg.

Er wusste nicht, wie lange Jim Morrison ihn schon begleitete. Aber er dachte nach ungefähr fünf Kilometern, er könnte dem Sänger doch mal eine Zigarette anbieten. Der nahm dankend an. „Dachte schon, ich müsste das Stroh vom Felde rauchen…“

Alle denken er sei tot, sagte ich ihm.

„Wie können sie das denken, wenn sie es selbst noch nicht waren?“

Auf diese Frage hatte ich keine Antwort. Und so liefen wir weiter und rauchten, redeten über die Welt und gute Parties. Er fragte mich, ob ich was zum pennen hätte. Ich verneinte. „Kannst bei mir knacken.“

‚Knacken’ – dieses Wort für ‚schlafen’ hatte ich lang nicht mehr gehört. War mir aber vertraut.

„Cool.“

Jim führte mich noch einige Meilen durch braches Land, einen felsigen Anstieg hinauf auf einen Bergrücken, auf dem nichts war. Auch Jim Morrison war plötzlich weg. Im der Tiefebene unten sah ich die Blaulichter mehrer hundert Polizeiwagen und einen tief kreisenden Polizeihelikopter, der seinen Suchscheinwerfer wohl auf die Stelle richtete, an der meine Karre explodiert war. Was war geschehen? Ich schaute in die andere Richtung. Tiefes Schwarz drang in meine Augen. Und rauschen. Das war das Meer. Welches Meer das jetzt sein sollte, wusste ich nicht. Ich setzte mich auf einen Fels und starrte. Lost in a romance… And all the children are insane… This is the end.

Und so saß er da auf seinem Stein, hatte Freiheit gesucht, und nichts gefunden. Denn was soll es sein, was der Mensch erkennen kann? Der Mensch selbst ist eine trilliardenste Kommastelle in der großen Rechnung des Ganzen. Was er schafft, was er liebt, was er findet ist selbst nur ein Nichts im gemeinen Theater. Ordnungen schiebt er sich zu Recht, Erkenntnisse formt er sich aus seinem kleinen Hirn. Ist der Höhlenmensch weit hinter uns? Auch aus dem Blickwinkel der Millionen Jahre alten Zukunft? Haben wir etwas, außer dem Spaß? Mehr als die Befriedigung unserer Sinne, wie auch immer? Leid und Glück spielen keine Rolle. Früher oder später sind wir Sternenstaub, we are stardust… Du hast das Mädel nicht bekommen, du hast deine Schlüssel verloren, du bist ein Penner, du hast einen schönen Namen, ein Einser-Abitur, du bist Boss, du stirbst zu früh, du lebst zu lang, dir ist langweilig, dir ist grad kalt, du musst kotzen, du bist blind, dein Schmerz fickt dich, deine Freude, dein Leid, dein Jammern, dein Flehen, dein Lachen, dein Schweigen, deine Geburt, deine Brut, dein Denken, dein Aussehen, deine Welt, dein alles ist kosmischer Staub, der Kosmos selbst ist nichts, das Geld, der Wahn, der Schrecken, das Verrecken – alles ist nur in den Köpfen der Menschen, Ameisengewusel.

Ihm war kalt geworden. Er zog sich seinen Pulli an. Diese Gedanken waren ihm zu dunkel. War er doch ein fröhlicher Mensch. Ein fröhlicher Mensch, der zwar die Trauer kannte, den Schmerz ertragen konnte und die Melancholie umarmte, aber kein Mensch, der sich seiner Menschheit komplett entledigen konnte, er war kein Heiliger, der das Leid anderer auf seine Schultern lud, kein Revoluzzer ohne Rücksicht auf Verluste, kein Führer vieler, kein großer Denker, kein großer Beweger, kein Macher oder so…

Er saß alleine auf seinem Stein, den warmen Pulli an, schaute auf die dunkle, ewige Fläche des Meers, schaute in die unendliche Weite der Sterne, rüber zum schönen Mond, dachte an sein Mädel, und unter Tränen wünschte er sich zurück.

Und da war ihm klar geworden, dass er nicht die Freiheit suchte, sondern vor sich selbst geflohen war.

Freiheit entsteht nicht an Orten, sondern in deiner selbst.

6 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

geiler Scheiß

Anonym hat gesagt…

Hey Schlampe!
Mannheim oder mal heim am WE?
Die Freiheit kann auch entstehen, wenn man sich zufällig an nem schönen Ort befindet. Das ist dann sozusagen der Jackpot.
Grüsse aus B....nicht Berlin.

Commander hat gesagt…

Du darfst das lyrische Ich und dessen Erkenntnis nicht mit der Meinung des Autors verwechseln, Arschloch! Sorry Jonas... Werde am WE in Mannheim bleiben, krieg Besuch von der Schwesternschaft. Aber bald, aber bald...

Grüße aus M... nicht Mongolei.

Anonym hat gesagt…

Viele denken ich lebe nicht mehr doch ich lebe umso mehr. Habe ich mich doch vor 5 Monaten verabschiedet aus der virtuellen Welt.
Ein Arzt hat mich geimpft gegen 56 ansteckende Krankheiten, die es im Amazonas Gebiet und in den schönen samtig-weichen Kautschukfeldern gibt. Alsdann habe ich mir einen Raumanzug geliehen und mir einen Düsenjet geborgt von dem freundlichem Herr Bundeswehr.
Doch Steuermann!! Der fliegt mit einem Autopiloten, ich brauche also keine Mannschaft mehr!!!!!
Aber ihr seid alle recht herzlich eingeladen wenn in meiner Heimatstadt Iquitos, die ersten Opernklänge der Premiere erklingen.
In Verzückung und auf der Startbahn mit dem Laptop geschrieben,
Fitz Carraldo

Anonym hat gesagt…

Janosch,
Autos explodieren nicht ;)
Aber echt geil!

Anonym hat gesagt…

„Auf einfache Wege schickt man nur die Schwachen.“